Der Turm

Die letzte Buchvorstellung ist schon eine ganze Weile her – höchste Zeit, mal wieder ein Buch vorzustellen! Das aktuelle Thema des Buchblogs „Die lesende Minderheit“ lautet „Lies ein Buch eines deutschen Schriftstellers/einer deutschen Schriftstellerin!. Erst dachte ich: Kein Problem, ich habe massig Bücher deutscher SchrifstellerInnen zuhause. Bei näherer Betrachtung musste ich dann aber feststellen: Arno Geiger, dessen Buch „Der alte König in seinem Exil“ ich vor kurzem gelesen habe und das mir sehr gut gefallen hat, ist Österreicher. Ebenso wie Elfriede Jelinek, deren Romane „Die Ausgesperrten“ und „Die Klavierspielerin“ ich ebenfalls sehr gerne gelesen habe. Aber natürlich habe ich auch spannende Bücher deutscher Autoren in meinem Bücherregal. „Der Turm“ von Uwe Tellkamp ist eines davon.
Ich würde „Der Turm“ nicht als Lieblingsbuch bezeichnen, aber es war definitiv ein Buch, das mich gefesselt hat und das ich trotz des Umfangs von fast 1000 Seiten zügig und nahezu an einem Stück gelesen habe. 
„Der Turm“ spielt in den Jahren 1982 bis 1989 in Dresden. Die meisten Charaktere im Buch stammen aus dem bildungsbürgerlich-intellektuellen Milieu, einem Milieu, das in der DDR eigentlich nicht gerne gesehen ist. Die drei Protagonisten Christian Hoffmann, sein Vater Richard Hoffmann und sein Onkel Meno Rohde schwanken ständig zwischen dem Wunsch nach unauffälligem Verschwinden in der Masse und Aufbegehren gegen das System der DDR und dem Gedanken an eine Ausreise.
Christian ist zu Beginn des Romans 17 Jahre alt und möchte wie sein Vater Arzt werden. Dies setzt systemtreues Verhalten und eine „freiwillige“ dreijährige Dienstzeit in der NVA voraus, wogegen Christian sich aber sperrt. Sein Vater ist erfolgreicher Arzt, allerdings durch seine Vergangenheit und seine Affären mit gleich zwei anderen Frauen, die der Stasi natürlich bekannt sind, erpressbar. Meno, Christians Onkel, arbeitet als Lektor in einem Buchverlag und genießt wegen seiner Abstammung von verdienten Kommunisten gewisse Vorzugsbehandlungen, erlebt aber trotzdem die Einschränkungen des täglichen Lebens in der DDR. 
Neben den drei Protagonisten kommt noch eine fast unüberschaubare Anzahl an Neben- und Randfiguren im Roman vor, deren Schicksale meist nur kurz angerissen werden. Die vielen Handlungsstränge und die teilweise epische Breite der eingestreuten Passagen aus Menos Tagebuch unterbrechen immer wieder den Lesefluss, aber ich mag Montage-Romane (eines meiner absoluten Lieblingsbücher ist „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin), deshalb hat mich das nicht gestört. 
Insgesamt vermittelt der Roman ein sehr detailgenaues, lebhaftes, nachdrückliches und bedrückendes Bild des Alltags von (Bildungs-)Bürgern in der DDR und ihrem täglichen Kampf gegen Wohnungsknappheit, Versorgungsengpässe, Menschenrechtsverletzungen, gegenseitiges Misstrauen, Abschottung und für ein „normales“ Leben. Das war für mich als Wessi, der das selbst nicht erlebt hat, sehr aufschlussreich. Das Buch endet offen am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls. Sollte es irgendwann eine Fortsetzung geben, werde ich diese auf jeden Fall auch lesen!

Kennt ihr auch Bücher, die zwar keine Lieblingsbücher sind, euch aber dennoch gefesselt haben? Die euch eine bisher fremde Welt oder ein fremdes Land näher gebracht haben? Was könnt ihr mir empfehlen?

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11 thoughts on “Der Turm

  1. @Mimis Welt: Ja, ist ja ein ganz schön dicker Schmöker… aber fang einfach an und tauch ein!

    @Sandrina: Vielen lieben Dank!

    @Paulina: Gerne!

    @Sybille: Vielen Dank für den Buchtipp, habe ich mir auf meiner Bücherwunschliste notiert! Und vielleicht hast Du ja auch Lust, mal Buchtipps auf Deinem Blog zu veröffentlichen? Würde mich sehr interessieren!

    @Silke: Bin gespannt, was Du sagst!

    Viele Grüße und schöner Tag noch,
    Juliane

  2. Liebe Juliane,
    das ist schon so geplant. Unter Kopfkino findet sich da immer mal was. Ich bin ja noch nicht lange in der Bloggergemeinde, im Moment bin ich noch mehr mit der Kocherei beschäftigt, deshalb ist da bisher nur ein Buch drin.
    LG

  3. @Sybille: Prima, ich freu mich auf weitere Kopfkino-Beiträge!

    @anonym: Vielen Dank für diesen Tipp, nach Lektüre der Amazon-Rezensionen habe ich es mir sofort bestellt und freue mich schon auf das Buch!

    Viele Grüße und schöner Tag noch,
    Juliane

  4. Ich empfehle Tanja Langer: "Kleine Geschichte von der Frau, die nicht treu sein konnte" Mann, Haus, Garten, 3 Kinder und doch nicht richtig glücklich, ein bewegendes Buch.
    Der Arno heißt im übrigen Geiger, nicht König, ist auch ein wundervolles Buch über den Umgang mit alten Menschen, aber halt ein Ö-streicher eben.

  5. @Damali: Vielen Dank für den Buchtipp, schaue ich mir gleich mal an! Und beim Arno war ich wohl so auf den Buchtitel fixiert, dass ich ihn glatt umgetauft habe – danke für den Hinweis, stimmt natürlich! Habe ich geändert.

    Viele Grüße und schöner Tag noch,
    Juliane

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